Kommentar vorweg: Dies ist keine "handelsübliche" Fanfic (also, keine Love-Story
zwischen Per und Marie...) sondern eher eine Fanfic aus Fan-Sicht. Sie enthält
auch keine Sex-Szenen oder ähnliches... Außerdem setzt sie voraus, daß es
keine Sprachbarrieren gibt. Und sie ist eher an Marie-Fans gerichtet. Dies
nur so als Hinweis. Vielleicht hat ja trotzdem irgendwer Lust sie zu lesen.
Resi
"Im Fahrstuhl"
Sandra stand lange vor dem Spiegel und drehte sich hin und her. Es fiel ihr schwer, zu entscheiden, ob sie mit dem, was sie sah, zufrieden war. Im Spiegel drehte sich ein siebzehnjähriges Mädchen ebenso unsicher mal in die eine, mal in die andere Richtung. Sandra ließ ihre Blicke an dem Mädchen, das ihr Spiegelbild war, herunter und wieder hinauf gleiten. Sie hatte von Natur aus hellblonde, ziemlich dicke und lange, am Haaransatz leicht gewellte Haare und leuchtend blaue Augen. Ihre Lippen waren voll und rund und hatten eine frische und jugendliche rosige Farbe. Es war Sommer, und ihre Haut war ein bißchen gebräunt. Sandra trug eine schwarze, eng anliegende Bluse und eine modern geschnittene Jeans mit Glitzersteinen an den Seitennähten. Eigentlich sehe ich doch ganz passabel aus, dachte Sandra, und im selben Moment klingelte es an der Tür des Hauses ihrer Eltern, bei denen sie wohnte.
"Das wird Andrea sein!" rief Sandra aus dem Flur um die Ecke in das Wohnzimmer, in dem ihre Eltern saßen. Dann eilte sie zur Haustür und öffnete. Es war tatsächlich Andrea. Andrea war schlank und ein bißchen größer als Sandra, und sie hatte kurzes braunes Haar und braune Augen. Sie hatte sich, wie Sandra auch, in ihre besten und modernsten Kleider geworfen. "Hallo Sandra", rief sie aus, und die beiden Mädchen fielen sich in die Arme. Und während sie hineingingen, fragte Andrea: "Und? Schon aufgeregt?" "Und ob! Ich konnte kaum schlafen!" Die beiden Freundinnen hatten etwas besonderes vor. Sie hatten sich vor einiger Zeit kennengelernt, weil sie dieselbe Popband mochten. Sie waren riesige Fans von Roxette. Die beiden träumten davon, ihren Lieblingsstars einmal persönlich zu begegnen. Sie hatten zwar schon Konzerte zusammen besucht, doch außerhalb einer Konzerthalle hatten sie sie nie zu Gesicht bekommen. Das - so zumindest hofften sie es - sollte sich an diesem Tag ändern. Per Gessle und Marie Fredriksson, wie die Hauptakteure der Band Roxette hießen, hatten eine neue CD veröffentlicht und waren nun auf Promotion-Tournee.
Eine der Veranstaltungen führte sie in Sandras und Andreas Heimatstadt. Sandra und Andrea hatten herausbekommen, in welchem Hotel sie wohnen würden, und wollten nun zusammen dort hinfahren. Andrea mochte Per Gessle, während es Sandra die Sängerin, Marie, angetan hatte. Sie liebte ihr Aussehen und ihre Stimme und hatte Marie dieses auch schon mehrfach in Briefen mitgeteilt. Beim letzten Brief hatte sie sogar ein Foto, das Sandra selbst zeigte, beigelegt, damit sich Marie, sofern sie den Brief las, eine Vorstellung davon machen konnte, wer ihr da schrieb. Sie hatte jedoch nie eine Antwort erhalten. Auch jetzt hatte sie wieder einen Brief geschrieben, den sie ihr, falls sich die Gelegenheit ergab, überreichen wollte. Vielleicht, so hoffte sie, war die Chance, daß Marie ihn auch las, größer, als wenn sie ihn mit der Post schickte und er unter Millionen anderer Fanbriefe unterging. Andrea hatte natürlich auch einen Brief an Per geschrieben, den sie ihm persönlich übergeben wollte.
"Wie sehe ich aus?" fragte Andrea und stand nun vor dem selbem Spiegel, vor dem bis vor kurzem Sandra gestanden hatte. "Ist schon alles in Ordnung", beruhigte Sandra sie, "Laß uns lieber losfahren." Sie verabschiedeten sich von Sandras Eltern, die ihnen kopfschüttelnd und verständnislos hinterher blickten, und verließen das Haus. Der Weg in die Innenstadt und zum Hotel war nicht weit. Sandra und Andrea konnten mit der U-Bahn fahren. Als sie ausstiegen, waren es nur noch ein paar Schritte bis zum Hotel. Es war eines der edelsten und teuersten Hotels der Stadt. Als sie in die Straße, in der sich das Hotel befand, einbogen, sahen sie eine Gruppe anderer Fans vor der Eingangstür des Hotels stehen. Es waren ungefähr zwanzig Leute. Sandra und Andrea verlangsamten ihr Tempo. "Um ehrlich zu sein, habe ich nicht besonders große Lust, mich dazu zu stellen", sagte Sandra leise zu Andrea. "Ich auch nicht", stimmte Andrea zu. "Wir können die ja mal fragen, ob Per und Marie schon drinnen sind, und dann sehen wir weiter." Das taten sie, und bekamen zur Antwort, daß sie noch nicht eingetroffen waren.
Sandra und Andrea entfernten sich wieder von der Gruppe und steckten ihre Köpfe zusammen. "Laß uns mal um das Hotel herumgehen und nach Hintereingängen schauen", schlug Sandra vor. Hinter dem Hotel gab es mehrere Türen, die in Frage kamen. Sandra und Andrea drückten an jeder davon vorsichtig die Klinke herunter oder zogen und schoben daran. Alle waren verschlossen - bis auf eine Tür. Als Sandra daran zog, kam ihr die Tür entgegen. Sandra und Andrea blickten einander mit großen Augen an. Ihre Herzen schlugen schneller. Sie wußten, daß das, was sie taten, eigentlich nicht erlaubt war. "Rein?" fragte Sandra leise und aufgeregt. "Na logisch", flüsterte Andrea. "Los!" Sie schlüpfte als erstes hinein, und Sandra folgte ihr. Sie befanden sich in einem ziemlich steril wirkenden, schmalen Gang mit weißen Wänden, PVC-Fußboden und jeder Menge Türen.
An einer Wand standen zwei große, blaue, prall gefüllte Plastiksäcke. Aus einem von ihnen quoll gebrauchte Bettwäsche. "Hier wird bestimmt die Hotelwäsche gewaschen und sowas", flüsterte Andrea. Es war ganz ruhig im Gang, außer Sandra und Andrea schien sich hier niemand aufzuhalten. "Und wo, um alles in der Welt, geht´s jetzt in die Hotellobby?" fragte sich Sandra. "Laß uns gucken gehen", sagte Andrea, nahm ihre Freundin an die Hand und zog sie hinter sich her den langen Gang entlang. Sie hatten beide Turnschuhe an, so waren ihre Schritte nicht besonders laut. Sandra hatte große Angst, erwischt zu werden. Andrea war ein bißchen gelassener, schritt mutig voran. Am Ende des Ganges, ihnen direkt gegenüber, war eine große, zweiflüglige Tür. Andrea und Sandra blieben davor stehen. "Hinter den anderen Türen dürften nur Zimmer sein", stellte Andrea fest, "Dies hier ist die einzige Chance, ins Hotel zu gelangen." "Na, hoffentlich ist sie offen." Andrea zog daran. Nichts geschah. "Mist!" fluchte sie. Sandra kam auf die Idee, zu drücken - und wirklich, die Tür ließ sich aufschieben.
Die Mädchen warfen einander einen triumphierenden Blick zu. Dann spähte Andrea, die Mutigere der beiden, vorsichtig durch den Türspalt. "Hm, sieht gar nicht so schlecht aus", flüsterte sie. Sandra schob sie beiseite und warf ebenfalls einen Blick um die Ecke. Sie sah drei mit Teppich belegte Stufen, die nach oben führten, vor sich, und einen sich daran anknüpfenden, ebenfalls mit Teppich ausgelegten, breiten Flur, von dem rechts und links Türen abgingen. Es sah aus, als ob sich hier ganz normale Hotelzimmer befanden. Es war weit und breit kein Mensch zu sehen. Sandra und Andrea schlüpften eilig durch den Türspalt und schlossen die große Tür hinter sich. Sie stiegen die drei Treppen zum Flur hinauf. "Wow", stellte Andrea fest, "Das war ja einfach. Jetzt müssen wir nur noch zur Lobby finden." Sie gingen den Gang entlang. Aus einem der Zimmer kam ein älteres Ehepaar, doch da sie die beiden jungen Mädchen ebenfalls für Gäste hielten, erregten Sandra und Andrea kein Aufsehen. In der Mitte des Flures, neben zwei Fahrstühlen, führte eine gläserne Tür direkt in die Hotelhalle. "Bingo!" stieß Andrea aus. "Los, komm!" Sie versuchten, gleichgültige Gesichter zu machen, während sie die Halle betraten
. In der Mitte der Halle gab es eine gepolsterte Sitzgruppe, in der einige gut gekleidete Herrschaften saßen - manche mit Koffern, sie warteten offenbar auf die Zuteilung von Zimmern oder auf ihr Taxi zur Abreise - andere lasen Zeitung. Sandra und Andrea setzten sich dazu. Von hier aus konnten sie durch die gläserne Eingangstür die Gruppe der wartenden Fans sehen. "Schau dir die Idioten an", lästerte Andrea. "Nur komisch, daß von denen keiner auf die Idee gekommen ist, um das Hotel herumzulaufen." Die Minuten vergingen wie Stunden, und Sandra wurde immer nervöser. Auch Andrea rutschte unruhig auf ihrem Platz hin und her. Und hielt sich plötzlich die Hand vor den Mund und stieß Sandra ihren Ellenbogen in die Seite. "Sie kommen!" raunte sie. Sandras Magen zog sich krampfartig zusammen. Sie mußte sich stark beherrschen, um nicht aufzuspringen und unkontrolliert herumzulaufen.
Durch die Tür sahen sie ein großes, dunkles Auto halten, das im Nu von den wartenden Fans umringt war. Und soweit Sandra es durch die Fanmenge hindurch erkennen konnte, waren es tatsächlich Per und Marie, die aus dem Auto stiegen. Sandras Herz schlug in einem atemberaubenden Tempo. "Oh Gott!" hauchte sie stimmlos. Sie sah Pers strubbelige Haare über die Fanmenge hinausragen. Von Marie sah sie überhaupt nichts. Fast alle Fans waren größer als sie. Sandra und Andrea starrten von ihren Plätzen in der gepolsterten Sitzgruppe aus gebannt nach draußen. Auch einige der anderen Gäste schauten jetzt auf, denn sie waren neugierig, was der Trubel vor der Tür zu bedeuten hatte. Per und Marie schrieben Autogramme, lange und viele, und Fotoblitze waren zu sehen. Zwei dunkel gekleidete, ziemlich kräftige Männer waren ebenfalls aus dem Auto gestiegen und taten nun ihr bestes, die Fans daran zu hindern, Per und Marie in das Hotel zu folgen. Sie waren erfolgreich.
Per kam als erster herein, in dunkler Hose und mit beigem Hemd, gefolgt von Marie mit schwarzer Hose und ebenfalls schwarzem Oberteil, welches ziemlich eng anlag und einen Blick auf einen schmalen Streifen ihres nackten Bauches freigab. An ihren Gesichtern war abzulesen, daß sie ein bißchen gereizt waren aufgrund der Belagerung durch die Fans, doch kaum hatten sie die vergleichsweise ruhige Halle betreten, entspannten sich ihre Gesichtszüge. Hinter ihnen waren einige andere Leute, die man kannte, wenn man Roxette-Fan war, unter anderem ihre Managerin. Sandra war der Kiefer heruntergeklappt. Sie wußte nicht, wen sie zuerst ansehen sollte, entschied sich dann aber für Marie. Ihre Blicke klebten an ihr, während sie mit Per und den anderen durch die Halle an der Sitzgruppe vorbeiging und zum Tresen, am dem sie von den Angestellten des Hotels bereits erwartet wurden. Sandras und Andreas Blicke waren nicht die einzigen, die der Prominenz folgten, denn auch einige der Gäste hatten sie erkannt. Man hörte hier und da jemanden flüstern: "Sind das nicht Roxette?"
Sandra konnte ihre Blicke nicht von Marie abwenden, während sie mit Per am Tresen stand und ihnen nun den Rücken zugewandt hatte. Sie sprachen mit dem Personal. Gütiger Gott im Himmel, dachte Sandra, ist die Frau klein! Sie hatte gewußt, daß Marie nicht besonders groß war, doch daß sie so zierlich war, das hatte sie nicht erwartet. Sie war selbst nicht besonders groß, wahrscheinlich ungefähr so groß wie Marie, doch hatte Marie etwas ungemein Zerbrechliches an sich, was sie noch kleiner erscheinen ließ. Und wie schlank sie war. Wie sie sprach und sich bewegte - es war wirklich genau so, wie Sandra es von Videos und vom Fernsehen kannte. Sie war fasziniert. Zitterte am ganzen Leib. Versuchte, sich das Zittern nicht anmerken zu lassen. "Und jetzt?" raunte Andrea Sandra zu. "Was machen wir jetzt? Wir können sie nicht einfach abhauen lassen!" "Ich hab keine Ahnung..." Sandra atmete schnell. Wünschte sich insgeheim, die könnte Marie am Hoteltresen festketten, solange bis sie wußte, was sie tun sollte. Doch es ging nicht. Per, der seinen Zimmerschlüssel anscheinend schon bekommen hatte, löste sich bereits von der Gruppe und machte sich zusammen mit einem der Bewacher auf den Weg.
Marie und die Managerin blieben am Tresen stehen. Andrea warf Sandra einen kurzen Seitenblick zu, dann machte sie sich ebenfalls auf den Weg, um Per zu folgen, und ließ Sandra einfach sitzen. "Andrea!" rief Sandra ihr hinterher. Doch Andrea ging einfach weiter. Drehte sich nicht einmal um. Sandra überlegte einen Moment, ob sie hinterher laufen sollte, doch dann waren Per, gefolgt von Andrea, durch die Glastür zu den Fluren verschwunden, und Sandra entschied sich, in der Halle zu bleiben, auch wenn sie noch immer nicht recht wußte, was sie eigentlich tun sollte. Mit Maries Zimmer gab es scheinbar ein Problem, denn die Managerin diskutierte heftig mit der Hotelangestellten, und Marie wandte sich in der Zwischenzeit um und ließ ihre Blicke durch die Hotelhalle gleiten.
Als sie Sandra passierten, stockte Marie einen Moment und ihre Augenbrauen zuckten. Sie sah aus, als hätte sie sie von irgendwoher wiedererkannt, doch das war eigentlich nicht möglich, da sie einander schließlich nie zuvor begegnet waren. Oder sieht sie mir an, daß ich ein Fan bin? fragte sich Sandra. Die Managerin sagte etwas zu Marie, Marie bekam ihren Zimmerschlüssel und ging los, ganz allein, zu derselben Tür, in die auch Per gegangen war. Sandra sprang auf. Jetzt oder nie! Sie ging Marie hinterher. Ihre Knie zitterten so sehr, daß sie das Gefühl hatte, sie würden jeden Moment unter ihr zusammenbrechen. Als die Tür schon fast hinter Marie wieder zugegangen war, schlüpfte Sandra noch schnell hinterher.
Der Fahrstuhl schien genau in diesem Moment unten angekommen zu sein und die Tür öffnete sich, und mit einem großen Schritt war Marie darin verschwunden. Niemand sonst - nur Marie. Rein, oder nicht rein? Sandra zögerte. Die Fahrstuhltür begann sich zu schließen. Da gab sich Sandra einen Ruck und sprang in letzter Sekunde mit in den Fahrstuhl. Die Tür schloß sich. Der Fahrstuhl fuhr los. Nur mit Marie und Sandra darin. Sandra zitterte vor Aufregung. Marie lehnte sich mit dem Rücken an eine Seitenwand und schaute vor sich auf den Boden. Sie sah Sandra nicht an. Sandra warf ihr nur einen kurzen Blick zu, dann starrte sie ebenfalls vor sich auf den Boden. Sie wollte Marie auf keinen Fall aufdringlich anglotzen. Auf keinen Fall! Der Fahrstuhl war so gut schallgedämmt, daß kaum ein Geräusch von außen hereindrang, sogar das Fahrgeräusch war fast nicht zu hören, so daß Sandra nur ihren eigenen Atem hörte - und den von Marie. Mehr nicht. Sandra schaute auf die Fahrstuhlanzeige. Marie hatte die sieben gedrückt. Jetzt waren sie im dritten Stock. Gleich würden sie im vierten Stock ankommen. Der Fahrstuhl war nicht besonders schnell. Doch plötzlich hörten sie ein eigenartiges, ganz sicher nicht normales und knarrendes Geräusch, ein Ruck ging durch die Fahrstuhlkabine, das Licht flackerte - und der Fahrstuhl stand.
Die drei und die vier blinkten abwechselnd auf der Anzeige. Kein Zweifel - der Fahrstuhl war steckengeblieben. Marie hatte ihre Blicke vom Boden losgerissen und sah Sandra nun mit weit aufgerissenen Augen an. "Was war das?" fragte sie. "Ich weiß nicht", antwortete Sandra und es fiel ihr schwer, zu sprechen, so trocken war ihre Kehle, "Ich glaube wir stecken fest." Ihre Stimme zitterte unkontrolliert. "Was jetzt?" Marie ging zur Knopfleiste, der Sandra direkt gegenüber stand, und betrachtete die verschiedenen Knöpfe. Sie drückte darauf herum. Sandra kam neben sie. "Wir müssen Alarm drücken", sagte sie und wagte nicht, Marie aus so kurzer Entfernung anzusehen. Sie drückte auf den Alarmknopf und hoffte, daß Marie nicht sehen würde, wie sehr ihre Hand dabei bebte. Marie ging wieder an die Wand zurück, an der sie eben gelehnt hatte. "Verdammt!" hörte Sandra sie leise fluchen. Nichts geschah, und Sandra drückte den Alarmknopf nochmals.
Eigentlich war sie nicht besonders scharf darauf, so bald aus dieser Lage befreit zu werden, doch sie hatte das Gefühl, daß Marie sich dabei alles andere als wohl fühlte. Maries Atem war beschleunigt, sie strich sich nervös mit den Fingern durch die kurzen, blonden Haare. Ein Mann meldete sich durch den Lautsprecher im Fahrstuhl. "Hier ist der Fahrstuhl-Notdienst, was ist passiert?" "Wir stecken fest!" schrie Sandra in das schraffierte Feld unter dem Lautsprecher, hinter dem sich vermutlich das Mikrofon befand. "Ich seh schon, im Hotel", sagte der Mann, der die Störung anscheinend auf einem Bildschirm sehen konnte. "Wie viele Personen sind Sie?" wollte er wissen. "Zwei." Sandra überlegte, ob sie sagen sollte, was sie sagen wollte, sagte es dann aber doch: "Eine davon ist prominent. Sie hat ganz sicher Termine. Also, beeilt euch..." "Prominent?" fragte der Mann durch den Lautsprecher. Sandra sah im Augenwinkel, daß Marie sie von der Seite ansah. "Ja, prominent", gab Sandra zurück. Weitere Informationen wollte sie nicht geben. "Wir schauen was wir tun können und melden uns wieder", sagte der Mann, und es knackte im Lautsprecher. Die Verbindung war beendet.
Sandra sah Marie fragend an, fragte sich, ob es richtig war, die Prominenz zu erwähnen. Marie schaute einen Moment ernst zurück, dann schmunzelte sie. "So eilig ist das nun alles auch nicht", sagte sie, "Aber ich würde mich doch wohler fühlen, wenn ich hier raus wäre." "Ich auch." Sie warteten. Warteten, daß sich der Herr vom Notdienst wieder meldete. Wieder waren der eigene Atem und der der anderen das einzige, was sie hörten. Sandra hätte gerne ein Gespräch angefangen, doch sie hatte nicht die geringste Ahnung, worüber sie mit Marie sprechen sollte. Nun hatte sie endlich die einmalige Gelegenheit, daß Marie ihr nicht davonlaufen konnte, stand ihr das erste Mal im Leben persönlich gegenüber - und wußte nicht, was sie sagen sollte. Die Temperatur im Fahrstuhl stieg leicht an. Marie steckte sich den Finger in den Ausschnitt und zog ihn ein bißchen auseinander. "Heiß hier", sagte sie in die Stille hinein. "Hoffentlich ist nicht die Lüftung kaputt." "Das hoffe ich auch..." In diesem Moment meldete sich der Techniker wieder. "Hallo?" Sandra beugte sich zum Lautsprecher herunter. "Ja?" "Der Fehler ist erkannt", sagte die durch den Lautsprecher metallisch klingende Stimme. "Aber es wird ein bißchen dauern. Wir schicken jemanden vorbei. Aber zwanzig Minuten wird es schon dauern. Wir sind am ganz anderen Ende der Stadt." "So lange?" "Ja, tut mir leid, haben Sie Geduld." Wieder knackte es, und die Verbindung war unterbrochen. "Zwanzig Minuten?" wiederholte Marie ungläubig und zog ärgerlich die Augenbrauen zusammen, so daß sich dazwischen eine kleine Längsfalte bildete.
Entnervt lehnte sie den Hinterkopf an die Wand, und schloß die Augen. Sandra sah sie an. Nutzte die Gelegenheit, in der Marie ihre Augen geschlossen hatte und ihre Blicke nicht bemerken würde. Wie schön sie war! Und wie schlank. Und so klein. Sandra betrachtete ihre perfekt geformten Augenbrauen, ihre große und dennoch wohlgeformte Nase, ihre schmalen roten Lippen, ihren Hals. Sie lauschte ihrem Atem. Überlegte noch immer, worüber sie mit ihr sprechen könnte. Da öffnete Marie ihre Augen wieder, sah Sandra an und ertappte sie dabei, wie sie Marie heimlich musterte. Sie schaute Sandra eine Weile prüfend an und legte dann ihren Kopf ein wenig schräg. "Du kommst mir bekannt vor", sagte sie schließlich. "Woher?" fragte Sandra entgeistert. Das konnte eigentlich überhaupt nicht sein. Sie mußte sie verwechseln. "Doch." Marie kniff nachdenklich die Augen ein wenig zusammen. Sah Sandra intensiv an, während sie überlegte. Sandra fühlte sich von ihren Blicken durchbohrt. Und dann fragte Marie: "Du hast mir mal geschrieben, stimmt´s?" Sandra nickte fassungslos.
Nicht nur, daß Marie wohl die ganze Zeit lang gewußt hatte, daß sie nicht zufällig auch hier im Fahrstuhl war, sondern daß sie ein Fan war - nein, sie erinnerte sich an sie, weil sie ihr geschrieben hatte. Sie erkannte sie wieder, weil sie ihr ein Foto mitgeschickt hatte. "Auf dem Foto waren deine Haare noch ein bißchen kürzer", sagte Marie. Sandra konnte nicht glauben, was sie da hörte, aber es stimmte, auf dem Foto waren ihre Haare gerade mal bis zu den Schultern gegangen. Jetzt hingen sie ihr fast bis zum Po herunter. Sie nickte mit offenem Mund. Ihr fehlten die Worte. Als sie sie endlich wiederfand, fragte sie: "Erinnerst du dich an alle Briefe, die du kriegst?" Im selben Moment fragte sie sich, ob es richtig war, Marie einfach mit "du" anzureden, denn sie war immerhin eine über vierzig Jahre alte Frau, sie begegneten sich an diesem Tag das erste Mal und Marie hatte ihr niemals das "du" angeboten. Doch Marie schien sich nicht daran zu stören. Sie war es gewohnt. "Nicht an alle", sagte sie, "Aber an einige schon." Sandra spürte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg und sie heiß und rot werden ließ. Sie begann fieberhaft zu überlegen, was sie geschrieben hatte, und ob irgendetwas Peinliches darin gestanden hatte.
Aber sie konnte sich nicht richtig daran erinnern. Es war ja nicht ihr erster Brief an Marie gewesen. "Danke übrigens für den Brief", sagte Marie. "B-bitte", stotterte Sandra. In diesem Moment kam ihr wieder in den Sinn, daß sie ja wiederum einen Brief für Marie dabei hatte. Sie überlegte, ob sie ihn ihr wirklich geben sollte. Doch dann erinnerte sie sich daran, wie lange sie daran herum gefeilt hatte. Sie hatte sich die größtmögliche Mühe gegeben, in keiner Weise aufdringlich zu sein oder Dinge zu schreiben, die Marie unangenehm sein könnten. Andererseits hatte sie auch wieder Dinge geschrieben, die sie ihr niemals direkt ins Gesicht sagen könnte - auch jetzt nicht, da sie mit Marie ganz allein und ohne Zuhörer war. Sie zog den Brief aus ihrer Tasche und hielt ihn Marie entgegen. "Ich hab dir nochmal geschrieben..." "Oh", Marie zog die Augenbrauen hoch - sie sah tatsächlich erfreut aus. Nahm Sandra den Umschlag aus der Hand. "Danke sehr. Ich werde ihn später lesen." "Ist in Ordnung", sagte Sandra und war froh darüber, denn es wäre ihr unangenehm gewesen, wenn Marie ihn in ihrem Beisein gelesen und sofort über ihre Gefühle Bescheid gewußt hätte. Marie betrachtete den Umschlag, den Sandra mit kleinen glänzenden Aufklebern verziert hatte und auf den sie in geschwungener Schrift "Für Marie" geschrieben hatte. Marie drehte und wendete den Umschlag, und Sandra beobachtete sie aus dem Augenwinkel dabei.
Sie fragte sich, ob Marie jeden Brief, den sie bekam, so aufmerksam betrachtete, bevor sie ihn öffnete. Vermutlich nicht. Dann fragte Marie: "Wieviel Zeit ist schon vergangen?" Sandra sah auf ihre Uhr. "Keine zwanzig Minuten jedenfalls." Marie seufzte tief. "Ich weiß nicht, ob ich mir das einbilde, aber die Luft hier drin wird immer schlechter." Das wurde sie wirklich. Es wurde immer wärmer und die Luft begann, abgestanden zu riechen. Vielleicht war wirklich die Lüftung kaputt. "Soll ich nochmal Alarm drücken?" fragte Sandra fürsorglich. "Laß mal", Marie winkte ab. "Die werden schon irgendwann kommen." Sandra sah Marie an; sie war etwas blasser geworden. "Alles in Ordnung?" fragte Sandra besorgt. Marie nickte wortlos. Einige Zeit verging, in der sie beide nichts sagten. Und dann ging Marie irgendwann in die Hocke, setzte sich auf den Boden und lehnte sich mit dem Rücken an die Wand. Sie stützte ihre Stirn in ihre Handflächen. "Wirklich alles in Ordnung?" fragte Sandra noch einmal. "Es ist nur mein Kreislauf, glaube ich." Sie blickte zu Sandra hinauf. "Ich habe noch nicht so viel gegessen, weißt du." Sandra fiel ein, daß sie in ihrer Handtasche eine kleine Flasche Mineralwasser hatte.
Sie holte sie flugs heraus und hielt sie Marie entgegen. "Möchtest du?" "Oh ja, gerne." Marie drehte den Verschluß auf und nahm einen kleinen Schluck. "Trink so viel du willst", forderte Sandra auf und beobachtete verstohlen und nicht ganz ohne heimliches Behagen, wie Maries Lippen die Flaschenöffnung umschlossen. Sie nahm noch einige Schlucke und gab Sandra die Flasche zurück. "Danke sehr." Sandra betrachtete die Flaschenöffnung eine Weile, als ob dort irgendwelche Spuren zu sehen sein könnten, bevor sie den Verschluß wieder zudrehte. "Es ist wirklich warm", sagte Marie stimmlos, und Sandra beschloß, noch einmal den Alarmknopf zu drücken. Der Mann meldete sich. "Wie lang dauert es denn noch?" fragte Sandra energisch. "Die Leute sind schon unterwegs", antwortete der Mann, "Aber sie stehen im Stau, es ist eine ungünstige Uhrzeit." "Der Dame, mit der ich hier feststecke, geht es nicht besonders gut", gab Sandra zurück, "Die sollen sich beeilen." "Dame?" fragte der Mann. "Sie meinen die Prominenz?" "Ja, genau die. Beeilen Sie sich." "Wer ist es denn nun eigentlich, wenn ich fragen darf?"
Sandra sah Marie fragend an, und Marie machte eine wegwerfende Handbewegung, die bedeutete, daß sie es ruhig sagen sollte. "Marie Fredriksson", sagte Sandra also in das Mikrofon. "Marie wer?" fragte der Mann. "Fredriksson. Die von Roxette, wissen Sie..." "Ach die." Jetzt hatte er begriffen. "Die blonde, ja? Sagen Sie ihr, wir tun unser bestes." "Tun Sie das bitte auch." Die Verbindung war wieder beendet. Sandra blickte Marie entschuldigend an. "Es gibt immer noch Leute, die deinen Namen nicht kennen..." Marie zuckte mit den Schultern. "Ich könnte dir auch nicht alle Vor- und Nachnahmen zum Beispiel der Rolling Stones sagen." "Manche denken auch, ‚Roxette' wäre dein Vorname." Marie lachte leise. Doch dann wurde ihr Gesicht wieder ernst, drückte Unbehagen aus. Es ging ihr ganz offensichtlich schlecht. Sandra ärgerte sich, daß sie nicht irgendetwas Essbares dabei hatte. Auch sie selbst hätte gut etwas vertragen können. Es wurde wirklich immer wärmer und drückender in der kleinen Kabine. Bald konnte auch Sandra nicht mehr stehen, und sie setzte sich, mit einem kleinen Abstand zu Marie, ebenfalls auf den Fußboden. Maries Atem ging schwer. "Hast du nochmal deine Flasche da?" fragte sie mit matter Stimme. Sandra beeilte sich, sie ihr zu geben.
Marie trank sie beinahe halb leer. Kleine Schweißperlen bildeten sich auf ihrer Stirn. "Langsam finde ich es nicht mehr komisch", sagte sie leise und schwach. Sandra wünschte sich, irgendetwas dafür tun zu können, um die Sache zu beschleunigen. So sehr sie es auch genoß, mit Marie zusammen zu sein, so unwohl fühlte sie sich doch dabei zu wissen, daß es Marie nicht gut ging. Ihr eigenes körperliches Wohl ließ ebenfalls nach, doch das registrierte sie nur am Rande. "Sie kommen bestimmt gleich", versuchte sie, Marie und sich selbst zu beruhigen. Marie sagte gar nichts mehr. Sie schloß die Augen und lehnte den Kopf nach hinten an die Wand. Sandras Brief lag zwischen ihren Beinen, und sie hielt Sandras Mineralwasserflasche mit beiden Händen umklammert. Sandra hätte gerne auch einen Schluck daraus genommen, denn ihre Kehle war mittlerweile knochentrocken, aber sie wagte es nicht, sie Marie aus den Händen zu nehmen. Statt dessen sah sie sie von der Seite an und stellte insgeheim fest, daß sie einige kleine Fältchen mehr an den Augen hatte, als man sie auf den meisten Fotos sah, und sie sah, daß Marie kurze, kaum sichtbare blonde Härchen am Haaransatz hatte. Sie hatte diese Härchen schon in so manchen Videoclips gesehen, wenn Marie von Scheinwerfern von hinten beleuchtet worden war. Ihre Haut mußte an diesen Stellen unheimlich weich sein. Weich wie Samt.
Plötzlich drehte Marie den Kopf zur Seite und sah Sandra direkt in die Augen. Sie sah müde und abgekämpft aus. "Weißt du", sagte sie, "zuerst habe ich mich geärgert, daß du noch mit in den Fahrstuhl gesprungen bist. Inzwischen bin ich froh darüber. Nicht auszudenken, wenn ich hier allein sitzen würde." Sandra lächelte verlegen. "Wie bist du überhaupt ins Hotel gekommen?" wollte Marie wissen. "Ich dachte, unsere Aufpasser hätten niemanden vorbeigelassen." Sandra überlegte kurz, ob sie es Marie erzählen sollte. Was soll´s, dachte sie dann, es ändert ohnehin nichts. "Wir sind durch eine Hintertür reingeschlichen." "'Wir'?" "Meine Freundin und ich." "Die Brünette, die hinter Per hergelaufen ist?" Sandra staunte über Maries gigantisches Gedächtnis. "Ja, genau die." Marie schmunzelte. "Wer weiß, vielleicht steckt sie zur selben Zeit mit Per in einem anderen Fahrstuhl fest." Das wäre ihr zu wünschen, dachte Sandra, doch sie nahm sich zusammen, es nicht laut zu sagen. "Aber sie hätte keinen Spaß daran, glaube ich", sagte Marie, "Per haßt enge und verschlossene Räume. Ich auch, übrigens, aber bei ihm ist es schlimmer."
Sandra stellte sich vor ihrem inneren Auge vor, wie Andrea mit Per in einem Fahrstuhl festsaß und Per sie beinahe verrückt machte mit seiner Hysterie. Sie mußte lachen und gluckste in sich hinein. Marie nahm noch einen Schluck aus Sandras Flasche. "Entschuldigung", sagte sie dann und gab sie Sandra zurück, "Ich trinke dir ja alles weg." "Das macht nichts. Wirklich nicht." "Du solltest auch was trinken, du siehst auch ein bißchen blaß aus." Okay, dachte Sandra, wenn du es unbedingt so willst, und setzte den Flaschenhals, der sich eben noch zwischen Maries Lippen befunden hatte, an ihren Mund. Verrückte kleine Gedankenfetzen huschten durch ihren Kopf, während sie trank, Gedanken, die sie eigentlich nicht zu denken wagte und von denen sie froh war, daß Marie sie nicht kannte und niemals kennen würde. Plötzlich klopfte von außen jemand an die Fahrstuhltür. Sandra und Marie fuhren gleichermaßen erschrocken zusammen. "Hallo?" rief eine Männerstimme von außen. Sandra sprang sofort auf und ging nah an den schmalen Türspalt zwischen den beiden Schiebetüren. "Hallo!" schrie sie. "Wir holen Sie jetzt raus!" rief der Mann. "Treten Sie zurück. Vorsicht." Sandra tat, was er sagte. Auch Marie war jetzt aufgestanden. Nebeneinander standen sie an der der Tür gegenüberliegenden Wand und warteten gespannt auf das, was kommen würde. Etwas schob sich zwischen die beiden Türelemente, ein Brecheisen oder ähnliches, und dann wurde die Tür auseinander gedrückt.
Durch den jetzt etwas breiteren Spalt sahen Sandra und Marie, daß der Fahrstuhl genau zwischen zwei Stockwerken steckte. Der Boden befand sich in ihrer Bauchhöhe, und sie konnten die Beine der Menschen im einen und die Köpfe derer im anderen Stockwerk gleichermaßen sehen. Der Mann, der die Tür aufstemmte, befand sich im oberen der beiden Stockwerke. Er trug einen blauen Overall und hatte noch zwei Kollegen dabei, die ähnlich muskulös gebaut waren wie er und ebenfalls blaue Overalls trugen. Zwei der Männer stemmten jetzt je eine der Türhälften zur Seite. Der dritte hockte sich hin und warf einen Blick ins Fahrstuhlinnere. "Kommen Sie erstmal da raus", rief er, "Ich helfe Ihnen!" Sandra sah zur Seite. "Du zuerst", sagte sie zu Marie, und Marie vertraute sich dem Kraftpaket an, der sie mit einem Ruck auf das obere Stockwerk hiefte, als sei sie so leicht wie eine Feder. Marie war von seiner Kraft sichtlich beeindruckt. Sandra hob schnell den Brief auf, den Marie auf dem Fahrstuhlboden hatte liegen lassen. Dann hob der Mann auch Sandra heraus. Die beiden anderen Männer ließen die Türelemente wieder los, und die fielen krachend wieder zusammen. "Vielen Dank!" Marie bedankte sich überschwenglich bei den kräftigen Rettern. "Ich hätte es auch keine Sekunde länger darin ausgehalten."
Auch Sandra bedankte sich. "Dabei wollte ich eigentlich nichts weiter als zu meinem Zimmer", sagte Marie, noch außer Atem, bedingt durch ihren schwachen Kreislauf. Sie war ein bißchen durcheinander, machte sich auf die Suche nach einer Treppe. Sandra wies ihr den Weg, begleitete sie. "Jetzt auch noch Treppen steigen", seufzte Marie. Sandra stieg hinter ihr die Stufen hinauf, paßte auf, daß Marie nicht vielleicht doch noch einen Kreislaufzusammenbruch erlitt. Doch es ging gut. Als sie im siebten Stock ankamen, waren beide noch mehr außer Atem. Sandra folgte Marie noch bis zu ihrer Zimmertür, und als Marie den Schlüssel in die Tür steckte, hielt sie ihr den Brief hin. "Vergiß den nicht." Marie war es sichtlich unangenehm, daß sie den Brief einfach so hatte liegen lassen. "Oh, entschuldige bitte." Sie zog ihn zwischen Sandras Fingern heraus. Dann lächelte sie sie an. "Ich bin wirklich froh, daß ich da drin nicht allein war", sagte sie. "Danke, daß du so lieb auf mich aufgepaßt hast." "Ich habe ja nicht viel gemacht." "Doch, doch. Mehr als du denkst. Und immerhin durfte ich etwas von deinem Wasser trinken." "Das ist doch selbstverständlich!" entgegnete Sandra entrüstet. Marie legte den Kopf schräg. "Trotzdem danke. - Sehen wir uns morgen?"
Am nächsten Tag sollte erst die eigentliche Promotion-Veranstaltung stattfinden. "Klar!" strahlte Sandra. "Okay. Bis dann." Und dann machte Marie plötzlich einen Schritt auf Sandra zu und nahm sie in ihre Arme. Bevor Sandra begriff, was geschah, hatte sie Maries Umarmung auch schon erwidert, ganz automatisch, wie man es eben tut, wenn man von jemandem umarmt wird. Sie hatte Maries superschlanken Körper in ihren Armen, spürte Maries weiche Wange an ihrer Wange, ihre Brüste an den eigenen, und atmete ihren Duft ein. Beinahe ließen ihre Beine sie im Stich. Nur ein paar Sekunden dauerte die Umarmung, aber auch, nachdem Marie schon die Zimmertür hinter sich geschlossen hatte, konnte Sandra sie noch immer spüren. Ihr Körper war wie elektrisiert, und einen Moment lang glaubte sie, sie würde sich nie mehr bewegen können.
Sie wußte nicht, wie lange sie dort so gestanden hatte, als plötzlich jemand an ihr vorbeiging und direkt vor Maries Zimmertür stehen blieb, jemand, der um einiges größer war als sie selbst, und sie fragend anblickte. Sandra sah zu ihm auf. Es war Per. "Ist sie da drin?" fragte er sie, als sei es das selbstverständlichste der Welt, daß er einen Fan danach fragen mußte, ob Marie in ihrem Zimmer war, und er schien sich nicht einmal darüber zu wundern, daß Sandra überhaupt da stand, wo sie stand. Geistesabwesend nickte sie, und dann klopfte Per an Maries Tür. Sandra trat einen Schritt zur Seite; Marie mußte ja nicht sofort sehen, daß sie immer noch hier stand. Marie öffnete und sprach leise etwas mit Per, was Sandra nicht verstand, doch dann zeigte sie in Sandras Richtung, woraufhin Per sich umwandte und Sandra ansah - offensichtlich erzählte sie ihm gerade, daß Sandra ihr im Fahrstuhl Gesellschaft geleistet hatte.
Dann nahm sie Per mit in ihr Zimmer und winkte Sandra durch den Türspalt noch einmal zu, bevor sie die Tür schloß. Sandra stand wie versteinert. "Sandra!" rief jemand. Sandra reagierte nicht gleich. "Sandra!" Dann drehte sie sich zur Seite. Es war Andrea. "Sandra, du wirst nicht glauben, was passiert ist!" rief Andrea aus. Du auch nicht, dachte Sandra, aber sie sagte nichts, so sehr noch wirkte das Erlebte in ihr nach. Während sie mit Andrea nach unten ging, erzählte Andrea ihr, daß sie mit Per und einem der Bewacher im Fahrstuhl nach oben gefahren sei - ohne dabei steckenzubleiben, allerdings - und daß Per sich oben im Flur ganz viel Zeit für sie genommen hatte und gar nicht ärgerlich darüber gewesen war, daß sie ihm gefolgt war. Sie habe mit ihm gesprochen, der Aufpasser habe Fotos von ihm und ihr gemacht, und sie habe ihm ihren Brief geben können. Die ganze Zeit danach hatten sie auf Marie gewartet, da Andrea mit ihr auch noch Fotos hatte machen wollen, bis sie irgendwann erfahren hatten, daß Marie im Fahrstuhl feststeckte. Andrea war dann irgendwann zur Toilette gegangen, nachdem es ihr zu lang gedauert hatte, und als sie wieder herauskam, sei Marie schon aus dem Fahrstuhl herausgewesen. "Und wo warst du die ganze Zeit?" fragte sie am Schluß nichtsahnend. "Du hast ja alles mögliche verpaßt!" Sandra schmunzelte in sich hinein.
Als sie zusammen unten vor der Eingangstür des Hotels standen, sagte sie bedeutungsvoll: "Ich hab mit Marie im Fahrstuhl gesteckt." "Ach quatsch!" Andrea hielt es für einen Scherz. "Schön wär´s." "Doch, so war es." Andrea sah sie skeptisch an. Sie wußte nicht recht, ob sie ihrer Freundin glauben sollte. Sandra sagte nichts weiter dazu, denn es war ihr egal, ob Andrea ihr glaubte. Sie wußte, daß es stimmte, und sie hatte das eigenartige Gefühl, daß sie gar nicht unbedingt jedem auf die Nase binden wollte, was passiert war. Sie hatte das Gefühl, als sei es eine Art ganz private Begegnung mit Marie gewesen, eine, die in der Öffentlichkeit oder auch nur unter den anderen Fans nichts verloren hatte. Ein kurzer Teil ihres Lebens, den Marie mit ihr geteilt hatte - wenn auch nicht unbedingt ganz freiwillig. Auch Marie würde ja nicht loslaufen und allen Zeitungen von ihren Minuten im Fahrstuhl erzählen. Warum also sollte Sandra dann etwas Ähnliches tun?
Als Sandra und Andrea am nächsten Tag mit all den anderen Fans an der Radiostation standen, bei der Per und Marie zu Gast waren und über ihre neue CD sprechen sollten, warf Marie Sandra bei der Ankunft einen vielsagenden und augenzwinkernden Blick zu, während sie an die anderen Fans Autogramme verteilte. Und als sie die Radiostation wieder verließen, schob sich Marie durch die anderen Fans hindurch zu Sandra und beugte sich zu ihr heran: "Ich habe deinen Brief gelesen. Danke. Und danke auch nochmal für deine Gesellschaft gestern." Und dann verschwand sie zusammen mit Per in einer großen, schwarzen Limousine. Andrea sah Sandra mit großen Augen an. Auch die anderen Fans starrten Sandra ungläubig und neidisch an und einer fragte sich mehr als der andere, was Sandra mit Marie zu tun hatte, was sie so wichtig machte, daß Marie extra noch einmal zu ihr ging. Sandra dagegen stand nur da und grinste breit und war der glücklichste Mensch der Welt.