Ganz
anders!
Stille!
Undurchbrochene Stille umgab sie. "Wieso ich?", dachte sie und wischte
sich eine vereinzelte Träne aus ihrem blassen Gesicht.
Marie lag in einem einsamen Krankenbett. Der ganze Raum war voller Blumen. Rote
Rosen von Micke, Sonnenblumen von per und noch viel mehr. "Fast wie auf
einer Beerdigung" ging es ihr durch den Kopf.
Was war passiert? Ein kurzer Augenblick und ihr ganzes Leben hatte sich komplett
verändert. Der Sturz, die Diagnose. Sie hatte sich zurückgezogen.
"Marie ist nicht so stark wie sie tut" hatte sie Micke zu den anderen
sagen hören.
" Ja, er hatte Recht" dachte Marie jetzt, "und ich kann nicht
mehr so tun als ob!" Aber es war nicht nur die Krankheit und ihr schwacher
Körper, die ihr sagten dass sie nicht die starke Frau war, die sie zu sein
schien. Nein, auch ihr Herz sagte es ihr. Es schmerzte so sehr. Sie hatte es
schon solange verdrängt, doch jetzt wo sie in diesem Krankenzimmer lag,
kraftlos durch die Behandlung, kam alles wieder hoch.
Ja, Micke war ein toller Mann. Immer aufmerksam. So besorgt um sie. Josie und
Oskar liebte sie über alles. Die war Familie war ihr Fels in der Brandung.
Doch es gab noch eine andere Person, die ihr noch sehr viel mehr bedeutete und
die sie schmerzlich vermisste.
Die Tür
ging plötzlich auf und der Arzt trat ein.
" Und wie fühlen sie sich? Ist ihnen übel oder vertragen sie
die Behandlung gut?"
"Fragen über Fragen" dachte sie nur und lächelte matt. "Ist
schon okay. Ich bin nur ein wenig müde."
"Das ist normal. Draußen ist Besuch für sie. Ich werde dem jungen
Mann sagen, dass sie lieber schlafen möchten."
"Nein, nein er soll ruhig hereinkommen" unterbrach sie den Arzt. Irgendwie
wollte sie nicht mehr allein sein. Hatte sogar Angst vor der ruhe.
"Okay" sagte der Arzt und verschwand.
Kurze zeit später öffnete sich die Tür erneut und nicht Micke,
wie Marie es erwartet hatte, sondern Anders trat ein.
Marie wurde kreidebleich als sie ihn sah. Er war der letzte den sie erwartete
hatte.
"Hej" sagte er ruhig. "Wollte doch mal sehen wie es dem Energiebündel
geht. Blumen hab ich dir nicht mitgebracht. Du hast ja auch schon genug wie
man sieht. Aber ein buch hab ich hier für dich." Er drückte ihr
ein kleines Buch in die Hand.
Sie las "Sergio Bambaren - Der träumende Delphin"
"Es ist eine Geschichte, die einen aufbaut. Einer meiner Lieblingsbücher"
fügte er schüchtern lächelnd hinzu.
Marie war immer noch sprachlos und blätterte unsicher in den Seiten.
" Ähhm" stotterte sie. "Schön dass du da bist"
sagte sie dann und lächelte verlegen. Anders wurde rot und starrte zu Boden.
"Komm her" sagte Marie " damit ich dich richtig begrüßen
kann!"
Sie strahlte jetzt übers ganze Gesicht. Ihr schmales blasses Gesicht begann
zu leuchten und sie konnte die Gefühle, die sie empfand kaum unterdrücken.
Anders kam langsam auf sie zu und nahm sie vorsichtig aber unendlich zärtlich
in den Arm. Es war wunderbar ihn so nah zu spüren und es lief ihr eiskalt
den Rücken herunter.
"Ich habe dich so vermisst" hauchte sie ihm leise ins Ohr.
Erst jetzt wurde ihr bewusst wie lang ihre Begegnung her war. Sie hatten ihr
letztes Konzert der Room Service-Tour absolviert und danach war Anders aus ihrem
Leben verschwunden. Er war zu der zeit schon geschieden und mit Jenny liiert.
Sie hatte sich für ihn gefreut, dass er dabei war sein leben wieder in
den griff zu bekommen. Schließlich war sie nicht ganz unschuldig an dem
Chaos, das Anders Leben bestimmte.
Sie hatte ihn zurückgewiesen und behauptet, dass sie nur Micke liebe und
er zu seiner Familie zurückkehren solle. Sie hatte ihn als Affäre
bezeichnet.
Jetzt tat es ihr so unendlich leid. Er war nicht bloß eine Affäre
sondern ihre große Liebe.
"Es tut mir so leid" flüsterte Marie und Tränen schossen
ihr in Gesicht.
"Schhhh, ist schon gut." Anders nahm ihr Gesicht in seine Hände
und küsste ihre Tränen weg.
"Hör auf zu weinen. Du sollst dich doch nicht aufregen. Ich hätte
gar nicht kommen sollen. Ich wollte dich nicht so aufwühlen. Tut mir leid,
ich geh wohl besser." Er wandte sich zur Tür.
" Bitte geh nicht" rief Marie. "Ich liebe dich mehr als alles
andere auf der Welt. Bitte bleib hier. Ich brauche dich."
Anders drehte sich zu ihr um. Tränen glitzerten in seinen Augen. Doch dann
sagte er ruhig: "Dafür ist es zu spät. Du lebst dein Leben und
ich meins. Ich wünsche dir alles Gute." Und bevor Marie irgendetwas
erwidern konnte war er schon verschwunden.
Marie konnte ein Schluchzen nicht unterdrücken.
"Was soll ich jetzt bloß tun. Ich habe ihn für immer verloren."
Sie zog sich die Bettdecke über den kopf und weinte sich leise in den Schlaf.
Sie schlief so fest, dass sie Micke und die Kinder nicht bemerkte und erwachte
erst als die Nacht hereinbrach.
Marie war schweißgebadet
als sie ihre Hose anzog. Sie nahm ihre Jeansjacke und ihre Handtasche und öffnete
vorsichtig die Tür.
Alles war ruhig. Leise huschte sie am Schwesternzimmer vorbei und lief zur Treppe.
Sie hätte lieber den Aufzug genommen, aber sie hatte Angst, dass sie dann
von der Schwester bemerkt worden wäre.
Als sie das Krankenhaus verließ, war sie völlig außer Atem.
Eisiger Wind pfiff um ihren Kopf. Sie hatte sich eine schwarze Wollmütze
auf den Kopf gezogen, die sie nicht nur vor der Kälte schützen sondern
auch ihren kahlen Kopf bedecken sollte.
Alles um sie herum schwankte. " Jetzt nur nicht schlappmachen" dachte
sie.
Dann stieg sie in ein Taxi.
"Fahren sie bitte in die Stadt" keuchte sie und sie fühlte sich
flau.
" Geht´s ihnen gut Lady? Sie sehen gar nicht gesund aus" sagte
der Taxifahrer und schaute besorgt in den Innenspiegel.
" Ist nur der Kreislauf. Der beruhigt sich gleich wieder. Bitte fahren
sie los!"
Sie stieg in
der Altstadt aus und steuerte auf eine kleine Kneipe zu. Sie lief langsam und
musste um jeden Schritt kämpfen. Doch sie wollte es schaffen.
Die Kneipe war dunkel und nicht gut besucht. Zwei Pärchen tanzten zu langsamer
Klaviermusik und bis auf einen älteren Herrn an der Bar war es leer.
Sie ließ sich auf einen Barhocker fallen und atmete tief durch.
"Was kann ich für sie tun" fragte der Kellner freundlich.
" Ein Bier bitte, ein großes. Und eine Frage ist Anders nicht da
heute?"
" Der kommt später wenn er überhaupt noch kommt. Er ist mit Jenny
essen. Sie hat doch heute Geburtstag.
"Ach ja stimmt!" Scheiße, das hatte sie total vergessen.
"Okay. Danke für die Info. Haben sie vielleicht auch noch ein Päckchen
Zigaretten?"
Sie wusste, dass sie mit ihrem leben spielte, aber das war ihr völlig egal.
Zwei Stunden später war Anders immer noch nicht aufgetaucht. Marie hatte
ihr sechstes Bier ausgetrunken und die halbe Schachtel Zigaretten weggeraucht.
Ihr war schlecht, aber sie wollte noch warten und bestellte noch ein Bier.
Der ältere Herr an der Bar kam plötzlich auf sie zu. Er war neben
ihr mittlerweile der einzige Gast.
" Na Herzchen glauben sie nicht, dass sie jetzt genug haben und lieber
nach Hause fahren sollten?" Er legte einen Arm um ihre Schulter.
" ich besorg ihnen gern ein Taxi. Anders wird heute nicht mehr kommen.
Und sie sollten lieber ins Bett gehen." Er zwinkerte ihr zu.
Ja, er hatte eigentlich Recht. Was sollte sie noch hier?
Sie beglich die Rechnung und ging Arm in Arm mit dem Mann aus der Bar.
Die kalte Luft, die ihnen entgegenschlug kam ihr wie ein Schlag ins Gesicht
vor. Erst jetzt bemerkte sie, dass sich ihre Beine wie Blei anfühlten und
es in ihrem Kopf dröhnte wie ein Presslufthammer. Sie stöhnte auf
und rang nach Luft. Doch sie fühlte nur noch Nebel vor den Augen und sackte
in sich zusammen.
Der ältere Mann konnte sie gerade noch vor einem Sturz bewahren, doch ihr
Hinterkopf schlug trotz alledem hart auf den Gehsteig. Sofort spürte sie
einen stechenden Schmerz.
"Oh mein Gott" schrie der Mann Hilfe suchend. "ihr ganzer Kopf
ist voller Blut. Sagen sie doch etwas!"
"Was ist hier los?" Eine fremde Stimme tauchte wie aus dem nichts
auf. Doch sie konnte kein Gesicht erkennen. Der Nebel wurde dichter und immer
schwärzer.
"Ich ruf einen Krankenwagen" sagte die Stimme, die ihr gar nicht so
fremd erschien.
" Anders" keuchte sie. Sie stöhnte auf. "Anders, .. ich,
ich
. Hörst du
..!"
Auf einmal war er bei ihr. " Marie was machst Du hier
wieso?"
Er nahm sie in den Arm.
" Anders , ich .. ich liebe dich.. ehrlich" flüsterte Marie schwach.
" Ich liebe dich doch auch verdammt noch mal", schluchzte Anders und
drückte sie noch fester an sich.
" Bitte bleib
bei..mir..und pass
..auf mich auf
."
Sagte Marie ganz leise und stöhnte vor Schmerz auf.
" Ich werde von jetzt an immer bei dir sein. Egal was kommt. Versprochen!"
Marie spürte die Erleichterung und ließ sich in seine Arme fallen.
Der Krankenwagen näherte sich mit Sirenen und Marie lag ohnmächtig
in Anders Armen.
Fortsetzung folgt vielleicht