Ein Abend in Halmstad

Es war ein warmer Sommerabend in Südschweden.
In Halmstad, im Hotel Tylösand, genauer gesagt in der "Leif´s Lounge", wurde wie an den meisten Wochenenden gefeiert.

Auch Johanna, ein junges Mädchen, hatte sich hierher gewagt, obwohl sie ganz allein war und es eigentlich nicht besonders mochte, ohne Begleitung auszugehen. Doch wie einige andere junge Leute, die ebenfalls hier waren, hatte ihre Anwesenheit einen ganz besonderen Grund: Dieser hieß Per Gessle, war die männliche Hälfte des Popduos Roxette sowie zur Hälfte Besitzer des Hotels Tylösand. Und in diesem Moment stand er nur wenige Meter von ihr entfernt am Bartresen, hatte ihr den Rücken zugewandt und unterhielt sich mit einigen Leuten, die Johanna nicht kannte.

Johanna hätte ihn gerne heimlich beobachtet, doch in diesem Moment hatte sie mit einer Sache ganz anderer Art zu tun: Als sie noch wenige Augenblicke zuvor auf der Tanzfläche gewesen war und getanzt hatte, hatte ein offensichtlich nicht mehr ganz nüchterner junger Mann Gefallen an ihr gefunden. Johanna hatte jedoch keinerlei Interesse an ihm und war irgendwann von der Tanzfläche gegangen. Er war ihr gefolgt.
"Nein, danke, ich fühle mich ganz wohl allein", hatte sie ihm auf seine Frage, ob er ihr Gesellschaft leisten dürfte, geantwortet, doch er konnte die Niederlage, bei ihr abgeblitzt zu sein, nicht verkraften. Nun stand er ihr gegenüber, zu dicht, wie Johanna fand, und redete auf sie ein: "Wie bist du denn drauf? Erst einen heiß machen und dann einfach abhauen? So haben wir nicht gewettet!"
"Ich habe niemanden heiß gemacht", wehrte Johanna sich, und damit hatte sie auch recht, denn sie hatte es ganz sicher nicht darauf angelegt, diesem Jungen zu gefallen. Doch dieser sah es anders. "Natürlich hast du!"
"Habe ich nicht! Und jetzt laß mich in Ruhe!" Johanna wurde wütend. Sie warf einen kurzen, vorsichtigen Blick zur Seite, in die Richtung, in der Per stand, denn sie hatte Sorge, daß er den Streit bemerken würde. Johanna hatte nicht vor, auf diese Art und Weise seine Aufmerksamkeit zu erlangen. Dem jungen Mann war das natürlich vollkommen egal. Vermutlich wußte er nicht einmal, wer dort drüben stand. "He, Alte", schrie er Johanna an, "Was motzt du mich an, hä? Willst du Ärger oder was?" Und dann begann er, Johanna zu schubbsen. Einmal, zweimal, bis sie mit dem Rücken gegen den Bartresen stieß. Versehentlich stieß Johanna dabei mit dem Fuß an einen Barhocker, der daraufhin mit einem lauten Krachen zu Boden fiel.

Nun wurden einige der umher stehenden Gäste des "Leif´s Lounge" auf das Geschehen aufmerksam. Einer von ihnen war Per. Er unterbrach sein Gespräch und drehte sich um.
Johanna schrie den Fremden an: "Jetzt laß mich endlich in Ruhe!" Aber er hatte keinesfalls die Absicht, sie in Ruhe zu lassen. Statt dessen kam er ganz dicht an sie heran und griff mit seinen Händen ihre Brüste. Er packte ziemlich fest zu, und es tat weh. "Hör auf, du Schwein!", brüllte Johanna, der es inzwischen vollends egal war, wer sie sah oder hörte. Sie versuchte, sich gegen die Zudringlichkeit des Betrunkenen zu wehren, aber er war stärker. Während sie vergebens gegen ihn ankämpfte, sah sie im Augenwinkel, wie sich jemand von der Gruppe, die ein Stück von ihr entfernt an der Bar stand, löste und auf sie zukam. Er schob sich zwischen Johanna und den jungen Mann und schob den jungen Mann dann ein Stück von Johanna weg. Johanna blickte direkt auf den Rücken ihres Retters und erkannte ihn sofort: Es war niemand geringerer als Per. "Ich glaube, du gehst besser", sagte er zu dem Betrunkenen.
"Was willst denn du jetzt?", brüllte der junge Mann unkontrolliert, und dann begann er, Per zu schubbsen. Doch das tat er nur einmal. Schneller, als irgendjemand im Raum gucken konnte, waren hinter der Bar zwei kräftige junge Männer hervorgesprungen, die den Betrunkenen packten, jeder an einem Arm, und ihn gewaltsam in Richtung Tür schleppten. Er protestierte laut doch das half ihm nichts. Johanna blickte ihnen mit klopfendem Herzen und noch immer schmerzenden Brüsten nach.

Dann rückte sie Per, der noch immer mit dem Rücken zu ihr vor ihr stand, in die Mitte ihres Blickfeldes. Per schaute dem Rowdie ebenfalls nach, und als er verschwunden war, drehte er sich zu Johanna um und kam ein paar Schritte auf sie zu. Johanna sah aus großen, braunen Augen mit dunklen, langen Wimpern zu ihm auf und hielt noch immer verängstigt ihre Arme vor der schmerzenden Brust verkreuzt.
"Es tut mir sehr leid", sagte Per zu ihr mit ernster und betroffener Miene. "Ich kenne diesen Menschen nicht, und wenn, dann hätte ich ihn niemals hier reingelassen."
"Schon gut", sagte Johanna nur kurz. Sie war viel zu durcheinander, um mehr zu sagen, denn einerseits war sie vor wenigen Augenblicken von diesem Betrunkenen mitten in einem öffentlichen Lokal und auch noch im "Leif´s Lounge"! körperlich angegriffen und gedemütigt worden, und andererseits stand gerade ihr allergrößter Schwarm und der Mann ihrer Träume vor ihr und sprach mit ihr.
So hatte sie sich ihren ersten persönlichen Kontakt mit ihm nicht vorgestellt. Sie hätte sich einen erfreulicheren Anlaß gewünscht.
"Hat er dir wehgetan?", wollte Per wissen.
"Ja, da", antwortete Johanna, und noch bevor sie überlegt hatte, was sie tat, zeigte sie auf ihre Brüste. Im selben Moment wurde sie sich bewußt, daß Per es wahrscheinlich so genau gar nicht hatte wissen wollen, und Verlegenheitsröte breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Doch Pers Blicke waren ihrem zeigenden Finger gefolgt und einen Moment lang auf ihren von einer engen Bluse umschlossenen Brüsten liegen geblieben. Ein paar Sekunden zu lang, um nur Reflex zu sein.
Dann sah er wieder in ihr Gesicht, bezog neben ihren Augen auch ihre Lippen in seine Blicke mit ein. "Wie gesagt, es tut mir sehr leid", betonte er, "Das ist mir ziemlich unangenehm und normalerweise gibt es solche Gäste hier nicht."
"Ist schon okay", gab Johanna zurück und ärgerte sich über ihre Einsilbigkeit.
Per schaute sie eine Weile nur an und schien zu überlegen. Dann hatte er eine Idee. "Bin gleich zurück", sagte er und verschwand durch eine kleine Tür hinter dem Bartresen. Johanna drehte sich um. Was kommt jetzt? fragte sie sich aufgeregt.
Per sprach mit dem Barkeeper, aber die Musik von der Tanzfläche war zu laut, als daß sie etwas hätte verstehen können. Dann beugte Per sich über den Tresen hinweg zu ihr herüber: "Was willst du trinken?"
Johanna war durch diese Frage ein wenig überrumpelt und starrte ihn verständnislos an.
"Ich lade dich ein", erklärte Per, "Als natürlich niemals ausreichender Versuch der Entschädigung."
Johanna hatte eigentlich keinen Durst. Sie zuckte mit den Schultern, entschied sich dann aber schließlich für ein Bier. Per schien sich für das gleiche entschieden zu haben, denn er ließ sich vom Barkeeper zwei Flaschen "Leif´s Lager" geben und kam damit wieder auf Johannas Seite des Tresens. Er reichte Johanna eine der Flaschen. Sie waren bereits geöffnet.
"Skål", sagte Per, und sie ließen klingend ihre Flaschen aneinander stoßen. Johanna nahm einen kleinen Schluck, den sie vor Aufregung kaum herunterbekam, während Per einen großen, beherzten Schluck trank. Johanna beobachtete ihn dabei verstohlen. Sie mußte dabei zu ihm aufblicken, denn er war ungefähr einen Kopf größer als sie und stand ziemlich dicht neben ihr.

Da standen sie nun jeder von ihnen mit einer Flasche "Leif´s Lager" in der Hand. Johanna konnte ihr Glück nicht ganz begreifen, und gleichzeitig hatte sie Angst, daß es sofort wieder vergehen könnte, da ein schweigsamer, wenig redegewandter Gesprächspartner, wie sie es war, Per vielleicht schnell langweilig werden könnte.
Johanna war nie der Typ gewesen, der Gefühle allzu sehr nach außen kehrte, und das tat sie auch jetzt nicht, so daß Per vermutlich keine Ahnung hatte, wie es in ihr aussah. Er bemerkte wahrscheinlich nicht, wie aufgeregt sie war, und ahnte wahrscheinlich noch nicht einmal, daß sie ein Fan war. Nichts an ihr deutete schließlich darauf hin.
Während Per sich im Raum umsah vielleicht auf der Suche nach jemandem, der interessanter war als Johanna schaute Johanna vorsichtig zu ihm auf und musterte ihn. Wann würde sie schließlich wieder die Gelegenheit bekommen, ihn aus solcher Nähe zu betrachten? Er sah gut aus, sogar sehr gut. Nicht perfekt aber gerade das liebte Johanna an ihm.
Per bemerkte eine ganze Weile lang nicht, daß Johanna ihn anschaute, bis ihre Blicke einander schließlich wieder begegneten. Johanna fühlte sich ertappt und lächelte verlegen. Per lächelte zurück und zwinkerte ihr dabei zu. Allein mit dem Lächeln wäre Johanna vermutlich fertig geworden, doch das Zwinkern ließ ihre Knie weich werden wie Pudding und ihren Atem einen Moment lang stocken.
Blitzschnell ließ Per seine Blicke einmal an ihr herunter und wieder hinauf gleiten, und war wahrscheinlich der Meinung daß Johanna es bei dieser Geschwindigkeit nicht bemerkt hätte. Doch das hatte sie. Sie war unendlich nervös und sehr froh über ihre Gabe, die Nervosität zu verstecken. Nach außen hin wirkte sie jetzt zwar ein bißchen schüchtern und unsicher, jedoch nicht nervös. Während sie nun eine Weile zur Tanzfläche hinüber sah ohne dabei wirklich etwas wahrzunehmen bemerkte sie im Augenwinkel, daß Per sie nachdenklich betrachtete. Er tat dies lange, eine oder zwei Minuten lang. Johanna fühlte sich unter seiner Beobachtung wie gelähmt. Sie erlöste sich selbst davon, indem sie jetzt langsam ihre Blicke zu ihm hob. Sie hatte ganz plötzlich beschlossen, so zu tun, als ob sie kein Roxette-Fan sei. Und so nahm sie all ihren Mut zusammen und fragte: "Du bist Per Gessle, stimmt´s? Der von Roxette?"
Ein Hauch von Enttäuschung huschte über Pers Gesicht, Enttäuschung darüber, daß er es anscheinend nicht mit einer großen Bewunderin zu tun hatte. "Das bin ich", gab er kurz zur Antwort.
"Und dir gehört die Hälfte von diesem Hotel, richtig?", fragte Johanna, obwohl sie genau wußte, daß es so war.
"Ja, das stimmt", bestätigte Per, sah sie dabei aber nicht mehr an. Er schaute sich um vermutlich hatte er nun endgültig beschlossen, sich einen anderen Gesprächspartner zu suchen. Johanna hatte das Gefühl, daß es ein Fehler gewesen war, sich als ein Nicht-Fan auszugeben. Gleichzeitig stellte sie fest, während sie ihn noch immer genau betrachtete, daß er mehr Falten hatte als auf den meisten Fotos, und dennoch, Johanna hielt ihn für einen der attraktivsten Männer überhaupt. Einen der charmantesten und menschlichsten und von allen Berühmtheiten am normalsten gebliebenen. Sie mochte alles an ihm, von seinem Aussehen bis hin zu seinem Charakter bzw. dem, was man als Fan eben so über den Charakter seines Stars weiß. Daß sie seine Musik und seine Stimme mochte, verstand sich von selbst.

Wieder sammelte sie eine große Portion Mut, denn es lag ihr nicht besonders, etwas zu sagen, wenn zweifelhaft war, daß der Gesprächspartner sie hörte einerseits wegen der lauten Musik, andererseits, weil er sich inzwischen so weit von ihr weg gedreht hatte, daß er ihr fast den Rücken zuwandte. Johanna wartete, bis er einen großen Schluck aus seiner Bierflasche heruntergeschluckt hatte, bevor sie tief Luft holte und dann laut sagte: "Ich mag Roxette".
Per drehte sich wieder zu ihr um. Er war sichtlich erfreut über ihr Kompliment, sah fast verlegen aus und schien darauf zu warten, daß Johanna ihn um ein Autogramm oder ein gemeinsames Foto bat. Doch das tat sie nicht. Sie hatte nicht einmal einen Fotoapparat dabei. Stattdessen versuchte sie, seinem Blick standzuhalten, was nicht einfach war, wäre sie vor lauter Aufregung doch am liebsten in Ohnmacht gefallen. Doch sie fiel nicht. Sie hatte sich im Griff wenigstens einigermaßen. Schüchtern lächelte sie ihn von unten herauf an. Per lächelte zurück, reflexartig vielleicht, zwinkerte diesmal aber nicht. Er kam mit seiner Bierflasche an die ihre und ließ die beiden Flaschen zusammenstoßen. "Skål", sagte er. Sie tranken. Johanna ließ ihn nicht aus den Augen. Nun war sie es, die ihn von oben bis unten musterte. Langsam und ausführlich. Viel lieber hätte sie sich eigentlich für einen Moment in eine ruhige Ecke zurückgezogen, um zur Ruhe zu kommen. Doch sie blieb standhaft. Sie schaffte es endlich, daß nun Per nervös wurde. Genau das hatte Johanna mit ihren intensiven Blicken beabsichtigt. Im Gegensatz zu ihr hatte Per allerdings nicht die Gabe, seine Nervosität zu verheimlichen. Er wich ihrem Blick aus.

Johannas Herz schlug noch etwas schneller, als sie sich nun zu ihm heranbeugte und ihn mit der Hand freundschaftlich am Arm berührte. "Wie alt bist du eigentlich?", fragte sie. Natürlich wußte sie es, spielte aber weiter die Unwissende, die ihm hier rein zufällig begegnet war.
"Man ist immer so alt, wie man sich fühlt", war Pers überaus informative Antwort.
"Und wie alt fühlst du dich?"
Per überlegte kurz, ob er dem fremden Mädchen überhaupt darauf antworten sollte. Doch dann sagte er: "Ich bin im Geist nie älter als achtzehn geworden, glaube ich." Er sah ziemlich ernst aus, als er das sagte.
"Du siehst auch fast noch aus wie achtzehn", log Johanna, daß sich die Balken bogen. Per mußte lachen. Dann beugte er sich zu Johanna herunter, kam mit seinem Mund nah an ihr Ohr, um nicht so sehr schreien zu müssen, vielleicht aber auch, damit niemand außer Johanna hörte, was er sagte: "Du bist eine sehr charmante Lügnerin!"
Johanna spürte seinen Atem, während er sprach, und seine sanfte Stimme kitzelte in ihrem Ohr und nicht nur dort.
Sie setzte erst an, um zu widersprechen, sah dann aber ein, daß dies aussichtslos war. Also sagte sie: "Auch wenn du nicht wie achtzehn aussiehst, siehst du trotzdem ziemlich gut aus."
Per beugte sich wieder zu ihr herunter. "Danke", sagte er und kam noch ein bißchen näher: "Du auch", sagte er kaum hörbar in Johannas Ohr.
Dann ließ er seine Blicke wieder durch den Raum schweifen. Seinem Gesichtsausdruck entnahm Johanna, daß er das, was er zuletzt gesagt hatte, bereits bereute. Nicht, weil er es nicht so meinte, sondern weil er ein verheirateter Mann war. Noch dazu ein berühmter, und er konnte schließlich nicht wissen, was für ein Mensch Johanna war und ob sie am nächsten Tag zur Zeitung rennen und erzählen würde, daß er fremden Frauen Komplimente machte.
Johanna bekam ein schlechtes Gewissen, weil er sich von ihr zu so einer Bemerkung hatte hinreißen lassen.

Per beschloß in diesem Moment, daß es besser war, das Gespräch mit dem fremden, dunkelhaarigen Mädchen zu beenden. "Meine Freunde warten", entschuldigte er sich und deutete mit der Hand, in der er die Bierflasche hielt, zu seinen Freunden hinüber. "Aber wir sehen uns ja sicher noch."
"Danke nochmal für die Hilfe."
"Keine Ursache."
Auf dem Weg zu seinen Freunden wurde Per von einem kleinen Grüppchen Fans aufgehalten, die Autogramme haben wollten.
Johanna zitterte am ganzen Leib, während sie das Treiben beobachtete, und war nicht in der Lage, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Gedankenlos trank sie ihr "Leif´s Lager" beinahe in einem Zug aus. Und fragte sich nebenbei, ob sie wohl die einzige Frau außer seiner Ehefrau war, der er jemals während seiner Ehe ein Kompliment gemacht hatte.
Als die Fans ihre Autogramme bekommen hatten und Per wieder bei seinen Freunden stand, schauten die Fans tuschelnd zu Johanna herüber. Sie rätselten, wer oder was Johanna sein mochte und warum Per sich so lange in ihrer Gesellschaft aufgehalten hatte. Den Zwischenfall mit dem zudringlichen Betrunkenen hatten sie nicht mitbekommen.
Johanna hob den Kopf ein wenig und musterte die Fans mit einem Blick, der sagte: "Wer seid ihr denn schon?" Es bereitete ihr eine diebische Freude, sich wichtig zu tun.

Johanna vertrieb sich die kommende Zeit damit, auf der Tanzfläche zu tanzen und dabei das Erlebte zu verdauen. Die Hälfte derer, die ebenfalls tanzten, waren Fans, wie sie. Einigen sah man es aufgrund der Kleidung an sie trugen entsprechende T-Shirts oder ähnliches anderen weniger. Johanna ließ Per nicht aus den Augen, ohne ihn allerdings dabei anzustarren. Das versuchte sie zumindest.

Irgendwann, zu fortgeschrittener Stunde, verschwand Per die Treppen, die sich am hinteren Ende der "Leif´s Lounge" befanden, hinauf. Und blieb verschwunden.
Johannas Stimmung sank. Doch sie wollte noch nicht gehen. Sie gab sich, wie die anderen Fans, der Hoffnung hin, daß er noch einmal zurückkehren würde. Während sie wartete und weiter tanzte, trank sie ein Bier nach dem anderen.
Die Fans um sie herum gaben nach und nach die Hoffnung auf und gingen, bis nur noch Johanna übrig war. Auch immer mehr der anderen Gäste gingen, und die Zeit, zu der die "Leif´s Lounge" schließen würde, rückte unaufhaltsam näher.
Johanna holte sich noch ein Bier, obwohl sie davon bereits mehr als genug getrunken hatte und es ihr bereits schwer fiel, geradeaus zu gehen, und setzte sich damit auf einen der bequemen Sessel in der hinteren Ecke. Sie hatte Mühe, die Augen offen zu halten. Der Alkohol machte sie müde. Sie rutschte ein wenig im Sessel herunter und schloß die Augen. Es dauerte nicht lange, bis sie eingeschlafen war.

Sie bemerkte nicht, daß Per tatsächlich zurückkam, als fast alle anderen Gäste bereits gegangen waren. Die Musik war nicht mehr so laut wie zuvor, die Tanzfläche war leer. Per war zusammen mit einem Bekannten, und hatte beschlossen, mit diesem noch einen letzten Schlummertrunk an der Bar zu genießen. Erst nachdem sie bereits eine ganze Weile an der Bar gesessen hatten, entdeckte er Johanna in der dunklen Ecke auf dem Sessel. Sie schlief.
Der Barkeeper räumte bereits auf, wischte den Tresen sauber und schickte sich an, Feierabend zu machen. Pers Freund verabschiedete sich schließlich und ging.
Und Per ging hinüber zu Johanna. Johanna wachte auf, weil sie eine Hand sich auf ihren Unterarm legen spürte. Nur mit Mühe konnte sie ihre Augen öffnen. Neben ihrem Sessel hockte Per und schaute sie an. "Zeit zu gehen", sagte er. Johanna wußte nicht genau, ob sie wach war oder träumte. "Sie werden dich sonst hier einschließen", fügte Per hinzu. Johanna war so betrunken, daß sie nicht wußte, was sie tat, und daß sie nicht mehr über Vernunft oder Peinlichkeit ihres Handelns entscheiden konnte. Und so streckte sie Per ihre Arme entgegen. "Hilf mir hoch."
Per tat es tatsächlich, ohne zu überlegen, als sei es das normalste überhaupt, nahm ihre Hände und zog sie hoch. Johanna verlor das Gleichgewicht und taumelte gegen ihn, lag plötzlich mit dem Kopf an seiner Brust. Eine Wolke seines Duftes füllte ihre Nase, und sie spürte den glatten Stoff seines Hemdes an ihrer Wange. Per fing sie auf und hatte Mühe, sie wieder aufzurichten. Johanna fand schließlich ihr Gleichgewicht, jedoch nicht lange, und Per mußte sie wiederum auffangen. "Verdammt noch mal", fluchte er, "Wieviel hast du denn getrunken?"
"Nicht viel", lallte Johanna. Da legte Per kurzerhand seinen Arm um ihren Rücken und stützte sie, um sie nach draußen zu geleiten. Johanna konnte ihre Füße kaum noch spüren und hatte das Gefühl, zu schweben oder vielmehr, getragen zu werden. War das wirklich Per da neben ihr? Oder bildete sie sich das in ihrem Suff nur ein? Wie auch immer: Es war ein schönes Gefühl.

Draußen schlug ihr die frische Luft entgegen wie ein Hammerschlag, wie ein Eimer kaltes Wasser, den man ihr über den Kopf geschüttet hatte. Es war empfindlich kühl geworden in der Nacht. Im Nu begann Johanna zu frieren und mit den Zähnen zu klappern. Ihr wurde schwindelig. Per setzte sie auf einer Bank ab. Er selbst blieb stehen, zückte sein Handy, aber bevor er telefonierte, fragte er Johanna: "Wo mußt du hin?"
"Jugendherberge", krächzte Johanna und spürte, wie ihr zunehmend übel wurde.
"Ich rufe dir ein Taxi", sagte Per und wählte eine Nummer auf seinem Handy.
Wahrscheinlich war es die Tatsache, daß Johanna sich in einem Traum wähnte, die sie widersprechen ließ: "Kein Taxi! Kannst du mich nicht fahren?"
Per war von dieser Frage ein bißchen überrumpelt. Er sah das hübsche, brünette Mädchen mit den großen braunen Augen wie ein Häufchen Elend vor sich sitzen, und sie erweckte sein Mitleid. Außerdem war es spät, er war müde, hatte keine Lust auf eine Diskussion und auch nicht darauf, noch mehrere Minuten mit ihr auf ein Taxi warten zu müssen. Denn allein lassen wollte er sie in diesem Zustand nicht. "Also gut", sagte er deshalb kurz angebunden und etwas gereizt, "Komm mit." Er schaute sich kurz um, um sicher zu sein, daß niemand sie beobachtete, dann half er Johanna hoch und stützte sie, bis sie an seinem Auto angekommen waren. In einem kurzen, klaren Moment fragte Johanna sich, was hier eigentlich gerade geschah, aber im nächsten Moment saß sie auch schon auf dem Beifahrersitz. Das Auto war riesig von innen und roch neu und war penibel sauber. Kaum, daß Per neben ihr auf dem Fahrersitz saß, fuhr er auch schon und schnallte sich erst während der Fahrt an.
"Wenn dir übel wird, sag sofort Bescheid", sagte er, und das klang wie ein Befehl. Klar, wer wollte sich schon ein so sauberes Auto durch Erbrochenes verschmutzen lassen?

Erst nach einigen Minuten begriff Johanna richtig, daß sie gerade zusammen mit Per in dessen Auto saß und er im Begriff war, sie nach Hause was im Moment die Jugendherberge war zu fahren. Sie konnte es nicht fassen und fing leise an zu kichern. Per sagte kein Wort.
"Du fährst gut", kicherte Johanna jetzt albern, "Mir wird gar nicht übel davon. Die meisten können das nicht." Dann schaute sie Per von der Seite an. "Ich glaub es einfach nicht. Das muß ein Traum sein! Oder bist du´s wirklich? Per Gessle, bist du das wirklich?" Sie lachte immer noch übertrieben albern.
Per warf ihr nur einen kurzen Seitenblick zu. "Beruhige dich. Ich bin es wirklich. Und du bist vollkommen betrunken."
"Betrunken? Ich? Niemals!" Johanna lachte laut und unkontrolliert. Per hatte im Auto die Heizung an, und Johanna wurde heiß. "Mann, ich schwitze", stieß sie aus und fing einfach an, ihre Bluse aufzuknöpfen. Darunter kam ihr schwarzer BH zum Vorschein. Per sah sie kurz an und erhaschte einen Blick auf ihr entblößtes Dekolleté. "Mach das bitte wieder zu", bat er.
"Warum?", widersprach Johanna, "Mir ist heiß. Außerdem kenne ich bisher keinen Mann, den so etwas ernsthaft stört." Sie striff sich die Bluse von den Schultern. Im selben Moment hielt Per mit quietschenden Reifen am rechten Straßenrand an. "Augenblicklich ziehst du das wieder an!", zischte er Johanna an. Seine Augen blitzten wütend. Er meinte es ernst. Johanna erschrak. Sie erstarrte.
"Es war ein netter Abend", sagte Per, "Ich habe dir gern geholfen und fahre dich auch gern nach Hause. Aber bitte strapaziere meine Geduld nicht noch mehr, als du es ohnehin schon getan hast."

Johanna fühlte sich, als hätte sie einen Schlag in den Magen bekommen. Ihre himmelhochjauchzend gute Stimmung wich Getroffenheit und schlechtem Gewissen. Zitternd und unter Pers strengen Blicken zog sie sich die Bluse wieder über die Schultern und knöpfte sie zu. "Entschuldigung", stammelte sie.
Per fuhr weiter.
Johanna starrte trotzig nach draußen. Es hatte leicht zu regnen angefangen. Der Alkohol in ihrem Blut tat sein übriges dazu, daß ihr plötzlich die Tränen über die Wangen rollten. Schließlich fing sie leise an zu schluchzen. Per hörte ihr eine Weile dabei zu. Dann sagte er versöhnlich: "Beruhige dich wieder."
Kurz darauf bog er auf den Parkplatz der Jugendherberge ein und kam dort zum Stehen. Inzwischen schüttete es draußen wie aus Eimern. Johanna wollte trotzdem so schnell wie möglich aussteigen, um Per von ihrer quälenden Gegenwart zu befreien und in der Jugendherberge in Ruhe über ihre eigene Ungeschicklichkeit zu weinen. Doch er legte seine Hand auf ihren Arm und hielt sie zurück. "Warte doch wenigstens einen Moment. Du wirst ja klatschnaß und holst dir noch etwas weg."
Johannas Tränenfluß versiegte, und es fiel ihr nicht schwer, seinen Rat zu befolgen. Es rührte sie, daß er sich um ihre Gesundheit sorgte.

Schweigend saßen sie eine Weile nebeneinander und lauschten dem Regen, der auf das Autodach prasselte. Johanna atmete einige Male tief durch, um sich zu sammeln. Sie versuchte, trotz des Alkoholpegels in ihrem Blut wieder zu Verstand zu kommen. Das gelang ihr nur bedingt. Sie wünschte sich, dieser Augenblick würde niemals vorbeigehen, obwohl sie nicht wirklich etwas damit anzufangen wußte.
Schließlich brach sie das Schweigen: "Danke, daß du meinetwegen so viele Umstände auf dich genommen hast." Sie lächelte, hob dabei nur einen Mundwinkel: "Und daß du mir so viel deiner wertvollen Zeit geopfert hast. Ihr Prominenten habt davon ja nicht allzuviel."
"Schon okay." Per legte seine Hand auf ihren Unterarm. Und ließ sie, zu ihrer Überraschung, dort liegen. Dann lächelte er sie an, und da war es wieder, dieses Augenzwinkern, das so viel ausdrückte. Es trieb Johanna beinahe in den Wahnsinn. Sie wurde rot im Gesicht und lächelte verlegen zurück. Per drückte ihren Arm kaum merklich, doch es reichte, um das Blut in Johannas Adern zum Kochen zu bringen. Endlose Sekunden vergingen. Oder waren es Minuten?
Ein eigenartiges Blitzen keimte in Pers Augen auf. Seine Blicke wanderten zwischen Johannas Augen und ihren Lippen hin und her. Ihr war so heiß, daß sie kaum Luft bekam und durch den Mund atmen mußte. Ihre Lippen trockneten dabei, und sie leckte sich mit der Zunge darüber, um sie zu befeuchten. Per beobachtete sie aufmerksam dabei, und es war nicht zu verkennen, daß es ihm gefiel. Inzwischen hätte es ihm wahrscheinlich auch nichts mehr ausgemacht, wenn Johanna ihre Bluse wieder aufgeknöpft hätte.
Johanna kämpfte einen Moment lang gegen die Versuchung an, dies zu tun, doch sie tat es nicht. Sie konnte es nicht. Das hätte sie sich vermutlich niemals verziehen. Sie wußte schließlich, daß Pers Ehe glücklich war, und das sollte sie auch bleiben. Denn Åsa bedeutete ihm mehr als jedes noch so verlockende blutjunge Mädchen es wohl jemals konnte, egal, ob es ihr gelang, ihn zu verführen oder nicht.
Und so genoß Johanna den Augenblick, genoß den Blick tief in seine Augen, das Blitzen darin, seine Hand auf ihrem Arm, und die Ahnung seiner Gedanken. Es war ein schönes Gefühl, von dem Mann ihrer Träume begehrt zu werden, wenn auch nur einen winzigen Moment lang.

Der Regen draußen ließ nach.
"Na ja", stammelte Johanna unsicher, "Ich geh dann mal. Danke für´s Herfahren."
"Keine Ursache." Per ließ den Daumen seiner Hand, die noch immer auf Johannas Unterarm lag, über ihre Haut streicheln. "Und wenn du mal wieder im Leif´s bist, trink nicht so viel, hm?", riet er ihr augenzwinkernd.
Johanna kicherte verlegen. "Ich werde mich bemühen."
Obwohl es ihr äußerst schwer fiel, weil sie seine Berührung sehr genoß, zog sie ihren Arm unter seiner Hand heraus und stieg aus dem Auto. Sie beugte sich noch einmal von außen hinein: "Gute Nacht. Und danke für alles."
"Gute Nacht", sagte Per, zwinkerte ihr noch einmal zu und startete das Auto. Johanna schlug die Beifahrertür zu und schaute zu, wie Per rückwärts ausparkte. Sie blieb stehen und sah ihm hinterher, während er auf die Straße einbog. Kurz bevor er wieder auf die Hauptstraße fuhr, sah sie trotz der Dunkelheit, daß er ihr zuwinkte. Sie winkte zurück. Folgte seinem Auto mit ihren Blicken, bis sie es nicht mehr sehen oder hören konnte.
Wie in Trance ging sie auf den Eingang der Jugendherberge zu und zu ihrem Zimmer. Im Gebäude schliefen bereits eine ganze Menge ahnungsloser Roxette-Fans. Johanna legte sich dazu. Es dauerte lange, bis sie endlich in den Schlaf fand.

Am nächsten Tag gesellte sie sich zu einigen anderen Fans, die vor dem Studio auf Per warteten. Heute trug sie ein Roxette-T-Shirt, wie viele der anderen Fans auch, und als Per in der Gruppe Autogramme verteilte, erkannte er sie nicht gleich. Doch dann hielt er inne, schaute erst auf ihr T-Shirt und dann in ihr Gesicht, und er konnte sein Erstaunen nicht verleugnen. Johanna warf ihm ein heimliches, verschwörerisches Grinsen zu, und als sie mit ihm vor der Kamera für ein gemeinsames Foto posierte, zog er sie ein bißchen näher an sich heran, als es eigentlich nötig gewesen wäre...

ENDE