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Fanfiction

Hätte ja sein können
Autor: Bluesue

Er hatte aufgehört in Gesellschaft anderer Menschen Radio zu hören und wenn eins lief, verliess er den Raum oder fragte, ob man es ausmachen konnte. Roxette vertrug er, aber auch da nur gewisse Stücke und Marie’s Sololieder kamen gar nicht in Frage.

Als er das entdeckte war er allein im Auto und die Tränen schossen ihm in die Augen beim Wortlaut zu „det regnar igen“. Er wollte schreien wie ein Verrückter, irgendwas in Stücke hauen und er erschrak über sich selbst. Er drehte mitten auf dem Weg nach Stockholm um, rief Åsa an und sagte, er würde noch eine Nacht in Halmstad bleiben.

Wieder dort angekommen verkroch er sich im Bett mit einer Flasche Glenfiddich. Er guckte bis in die frühen Morgenstunden alte Musik- und Privatvideos. Zu allem Unglück stiess er bei einer dieser uralten Kassetten auf Aufnahmen, die er und Marie bei ihm in seinem Junggesellenappartement gemacht hatten. Die Qualität war ultraschlecht, aber das beachtete er gar nicht. Sein Blick war auf Marie’s Gesicht geheftet, wie sie ihn anlächelte und dann küsste. Sie machte eine freche Bemerkung, von wegen, dass sie wohl nicht die Kamera laufen lassen konnten beim Sex und Per’s noch unanständigere Antwort, dass das seine Absicht sei.

Per wusste, dass es nun das Beste und Richtigste gewesen wäre, den Rekorder abzuschalten und die Kassette in den nächsten Grosscontainer zu werfen. Aber Marie streifte gerade ihr T-Shirt über den Kopf unter dem sie nichts trug. Per hielt sich an der Steppdecke fest wie an einem Rettungsanker. Er sah sich selbst und er fragte sich, wie dumm er war. Selbst ein Blinder hätte gesehen, wie sehr er sie liebte. Sein Gesicht leuchtete förmlich, er war so total in sie verliebt, betete sie an. Als das Video zu Ende war stand er auf, wankte ins Bad und dort nahm er eine eiskalte Dusche. Danach schlief er wie ein Toter und dann strich er das Gesehene aus seinem Gedächtnis.

Wochen vergingen, in denen alles seinen gewohnten Gang ging. Eines Abends, er hatte gerade den Übungskeller einer jungen Band verlassen, beschloss er auf ein Bier in den nächsten Pub zu gehen.

Als er auf der Toilette sass und rauchte, hörte er wie zwei Typen reinkamen. Er schenkte ihnen keine Beachtung, bis die Namen von Marie’s Kinder fielen.

„Ich vermiss die Kinder, sicher, aber ihnen geht’s gut bei ihrer Mutter“, sagte Micke.
„Denkst Du nicht, dass ihr euch wieder zusammenrauft, Du und Marie?“ fragte sein Begleiter.
„Keine Chance, es ist wirklich vorbei.“
„Du klingst noch immer wütend. Wie lang ist es jetzt her? 5 Monate?“
„Sechs, entschuldige, dass ich sauer reagiere. Ich will nicht darüber reden, der Gedanke, dass sie mir jahrelang was vorgemacht hat....“
„Hä? Was vorgemacht? Sie liebte Dich wirklich sehr oder? Ich mein, dass hätten doch noch mehr Leute gemerkt, wenn sie nicht ehrlich gewesen wäre..Deine Eltern zum Beispiel.“
„So war’s dann auch nicht, sie liess mich in dem Glauben, ich wäre der einzige Mann für sie.“
„Sie hat Dich betrogen?“
„Ist ja auch egal jetzt. Jedenfalls ist sie allein. Der Typ, den sie wirklich liebt, ist verheiratet und er wird seine Frau niemals für Marie verlassen. Er ist der grösste Feigling auf Erden, sonst wären die schon seit ner Ewigkeit zusammen. Weisst Du, Marie ist kein Fotomodel und auch kein braves, meinungsloses Frauchen. Sie streitet gern und sagt was sie denkt und nicht zu knapp. Mit ihren Ideen kann sie einen echt auf die Palme bringen. Aber sie ist auf ihre Art wunderschön, hat einen unglaublich sexy Körper und ein zartes, verletzliches Herz. Das hat er ihr bestimmt mehr als einmal gebrochen.“

„Mann“, sagte der andere Mann beeindruckt, „Du liebst sie immer noch.“
„Ja, aber nicht genug um wissentlich zweite Wahl zu sein.“
„Wer ist schon stark genug dazu?“

Sie gingen dann und Per hockte da wie erschlagen. Marie und Micke getrennt, wegen ihm? Wo lebte sie? Immer noch im alten Haus? Er wollte sie anrufen, sie wiedersehen, sie halten und diese Gedanken brachten ihn abrupt in die Wirklichkeit zurück. Was hatte Micke über ihn gesagt? Feigling und Herzensbrecher. Das war eine ziemlich korrekte Beschreibung, fand Per.



Marie machte eine richtig schwedische Weihnachtsparty. Auf diese Party brachte jemand Claude Jeanneret mit, einen Galeriebesitzer. Der warf einige prüfende Blicke auf Marie’s Werke und meinte dann, sie sollte ihm nach den Feiertagen ein paar in sein Geschäft bringen.

Das tat sie dann auch und schon nach wenigen Tagen rief Claude sie wieder an. Er wollte eine Vernissage machen und deutete an, dass er sie exklusiv unter Vertrag nehmen wollte. Marie erklärte sich etwas zögerlich einverstanden.

Die Ausstellung war ein voller Erfolg. Marie verkaufte 80% der gezeigten Bilder und unterschrieb einen sehr vorteilhaften Vertrag mit „Aquarella“, so hiess Claude’s Galerie.

Mehr als ein Jahr waren nun vergangen, seit Marie und ihre Kinder Schweden verlassen hatten.


Per und seine Familie waren im Frühling schon mal an die Côte d’Azur für eine Woche Ferien gekommen. Eines Nachmittags, als Åsa und Gabriel im Hotel ein Nickerchen machen, unternahm Per einen Spaziergang in Nizza. Die Saison hatte noch gar nicht angefangen und so war es wirklich noch ruhig. Er schlenderte durch die Altstadt.

Ein Bild im Fenster einer Galerie erlangte seine Aufmerksamkeit. Es zeigte das Meer in all seinen Farben und strahlte eine Tiefe aus, die Per ganz stark spürte. Er wollte dieses Bild haben und ging rein.

Der Galerist zeigte Per noch mehr Werke von G.M. Er suchte sich noch ein anderes aus, dass einen Garten darstellte. Es war eindeutig fröhlicher und brachte ihn zum Lächeln. Er fragte den Verkäufer nach dem Künstler, um die Antwort zu bekommen, dass er darüber keine Auskunft geben durfte. Das begriff Per. Sie kamen richtig ins Gespräch und bald stellte sich heraus, dass Claude Jeanneret daran dachte, sein Geschäft aufzugeben und sich zurückzuziehen. Per war interessiert. Er verliess den Laden mit den Zahlen der letzten 5 Jahren und den beiden Bildern, die ihn so sehr an Marie erinnerten.

Åsa gefielen die Bilder auch. Sie war ein bisschen enttäuscht, als Per sie in sein Büro hängte. Er sagte nicht viel dazu, sondern nur, dass sie ihn inspirierten und beruhigten.

Mit Claude kam es ein paar Monate später zu einem befriedigenden Abschluss. Per war nun Besitzer einer Galerie. Aquarella hatte einen tadellosen Ruf in der Gegend.

Per spielte mit der Idee ganz nach Nizza umzuziehen. Åsa machte sich Gedanken wegen Gabriel’s Schule. Sie beschlossen einen Schritt nach dem anderen zu machen. Zuerst sollten sie quasi zur Probe im Sommer hier wohnen.

Als Per nach Frankreich runterflog, um die Papiere zu unterschreiben kam Åsa mit. Gabriel war bei seinem Kindermädchen geblieben, deren Eltern einen Bauernhof hatten und ihn mit eingeladen hatten. Gabriel überlegte sich ernsthaft Landwirtschaft zu lernen.


Ein schöner sonniger Tag Ende August. Marie war mit ihren Kindern in der Stadt. Sie kauften für den Schulanfang ein, neue Kleider, Schreibmaterial, alles was man so braucht.

Die Strandpromenade lud zum Flanieren ein. Sie bummelten durch die Boutiquen, probierten die neuste Mode an und amüsierten sich.

Plötzlich rannte Josefin davon und einem lederbekleideten Typ direkt in die Arme. Der Mann, den Helm in der Hand, hatte gerade seine Kawasaki besteigen wollen, starrte jetzt das Mädchen an.

„P.G.!“ strahlte Josefin und er nahm sie in seine Arme, drückte sie ganz fest.
„Wie hast Du mich erkannt?“ witzelte er, strich ihr übers Haar.
„Ich kenn Dich doch. Mamma, schau mal wen ich gefunden habe!“

Per, innerlich total in Aufruhr, suchte Marie’s Blick. Marie war unter ihrer gesunden Bräunung kreideweiss geworden. Oscar betrachtete Per etwas skeptisch. Er kam ihm zwar schon bekannt vor, aber er wusste nicht mehr woher. Er fasste fest nach Marie’s Hand, als sie auf ihn zuliefen.

„Hej, Per“, sagte Marie ruhig. „Wie geht’s Dir?“
„Danke, bestens und Dir? Du siehst gut aus.“
„Mir geht’s auch gut. War schön, Dich wieder zu sehen“, meinte sie abschliessend und machte Josefin sanft los von ihm.
„Tschüss“, sagte Per. Er konnte nicht glauben, dass er ihr egal war. Sie behandelte ihn wie einen flüchtigen Bekannten.
„Tschüss“, sagten Marie, Josefin und Oscar und setzten ihren Weg fort. Sie hörten sein Motorrad losröhren.

Åsa, die am Fenster gestanden hatte und Per wegfahren hatte sehen wollte, war unfreiwillig Zeugin der Szene geworden.

Sie hatte Per’s Gesichtsausdruck gesehen, wie er mit Liebe zuerst Josefin ansah und dann Marie und Oscar, als sie langsam näher kamen. Marie hatte überhaupt nicht reagiert. Sie war ganz kühl und unpersönlich gewesen. Per hatte gewirkt, als wenn Marie ihm eine Ohrfeige verpasst hätte. Åsa dachte, er würde mitten auf der Strasse in Tränen ausbrechen.

Endlich war ihr alles klar. Sie hatte die Augen verschlossen vor der Wahrheit, so lange es ging, aber das war nun vorbei. Sie fing an zu packen.

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